
Die Bibliothek der Bozner Propstei ist mit ihren rund 13.600 Bänden wohl eine der größten Pfarrbibliotheken in Südtirol. Ihre Anfänge reichen nachweislich bis in das Spätmittelalter zurück: Ein Inventar der Pfarrkirche aus dem Jahr 1477 verzeichnet neben sakralen Kulturgütern auch Handschriften und gedruckte Bücher, bei denen es sich überwiegend um liturgische Werke handelt.
Die Büchersammlung entstand nach keinem einheitlichen, klaren Schema und spiegelt auch keine kontinuierliche Sammeltätigkeit wider. Werke von etwa einem Fünftel der dokumentierten Pfarrherren und Pröpste haben Eingang in den erhaltenen Bestand gefunden. Der überwiegende Teil der Sammlung setzt sich aus Legaten und Nachlässen zusammen, die von außen hinzugekommen sind. Unter diesen ist vor allem der Bücherbestand des bayerischen Humanisten und Archivars Erasmus Fend (*1532–✝1587) und des Johannes Fend hervorzuheben, aus dem die überwiegende Zahl der cinquecentine der Propsteibibliothek stammt.
Im Jahr 1716 wurde die Pfarrei Bozen in ein Kollegiatstift umgewandelt, wodurch auch die Pfarrbibliothek zur Stiftsbibliothek wurde und fortan den Kanonikern und Chorkaplänen als Studien- und Handbibliothek zur Verfügung stand.
Im Zuge der Aufklärung im 18. Jahrhundert vermehrte sich der Bibliotheksbestand der Propstei unter dem bibliophilen Propst Joseph David Alexander Graf Sarnthein (*1742–✝1796) und seinem Nachfolger Johann Nepomuk von Buol (*1746–✝1813) rasch. Ihre Buchnachlässe wurden der Propsteibibliothek einverleibt.
Zweimal wurde das Bozner aufgehoben: unter Joseph II. im Jahr 1785 und 1808 unter der Bayerischen Regierung. Die Bibliothek soll jedoch von Bücherkonfiszierungen verschont geblieben sein. 1792 und 1855 wurde das Kollegiatstift jeweils wiedererrichtet, im Jahr 1986 wurde es endgültig aufgelöst.
Der Bestand der Propsteibibliothek umfasst neben theologischen Schriften auch Werke zu Landeskunde, Geschichte, Recht, Handel, Gewerbe, Medizin, Naturwissenschaften oder Unterrichtswesen. Die Bibliothek enthält auch eine Sammlung früher Dissertationen und einige Bücher aus der Bibliothek des 1785 aufgehobenen Dominikanerklosters. Besondere Aufmerksamkeit verdient die umfangreiche Sammlung an libri prohibiti – verbotenen Büchern –, die Werke der Reformation und Aufklärung umfasst. Die Anzahl der Inkunabeln beläuft sich auf insgesamt 34.
Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Bibliothek im ersten Stock des Propsteigebäudes, im sogenannten Barocksaal (Rittersaal?), untergebracht. 1943/44 wurden der Dom und auch das Propsteigebäude samt dem Büchersaal Opfer der alliierten Bombenangriffe. Nach der Bombardierung wurden die unter Schutt und Asche liegenden Bücher in das Mesnerhaus, die wertvollsten Bestände aber in die Gruft des Erzherzogs Rainer in der Bozner Kapuzinerkirche gebracht.
Heute ist die Propsteibibliothek zusammen mit dem inventarisierten Archiv in einem kleinen Gewölberaum im Erdgeschoss der Alten Propstei des Doms Maria Himmelfahrt untergebracht. Die Bibliothek wurde in den Jahren 2002–2004 durch das Projekt EHB erschlossen.